#relating forests - Myths, Humans and Nature II
#relating forests - Myths, Humans and Nature II
Indigenes Wissen und Rituale: Wiederverbindung mit der mehr-als-menschlichen Welt
Der zweite Teil unseres kreativen Online-Events am 8. April 2025 richtete den Blick auf indigene Perspektiven und traditionelle Ritualpraktiken. Diese Sitzung bot einen tiefen Gegenpunkt zu westlichen Naturzugängen und eröffnete alternative Rahmungen für das Verständnis unseres Platzes in der natürlichen Welt.
Harald Gaski, Professor für samische Literatur, führte uns in das samische Weltbild ein, in dem die Natur kein bloßes Objekt des Gebrauchs ist, sondern ein Subjekt, das Respekt und Erlaubnis verdient. Seine Erläuterung des samischen Konzepts des „Fragens" – bevor man natürliche Ressourcen nutzt – traf viele Teilnehmende tief. In der samischen Tradition fragt man vor dem Fällen eines Baumes um Erlaubnis – in der Anerkennung, dass jeder Baum eine eigene Seele trägt.
Gaski erzählte den berührenden Mythos vom schlagenden Herzen eines jungen Rentieres, das in die Mitte der Erde gelegt wurde, um dem samischen Volk Trost und Hoffnung zu schenken. Er erklärte, dass das samische Verb gullat sowohl „hören" als auch „zugehören" bedeutet – ein Hinweis auf die innere Verbindung zwischen dem Lauschen auf den Herzschlag der Erde und dem Dazugehören.
"Indigene Wissensweisen sind westlichem wissenschaftlichem Wissen nicht unterlegen", betonte Gaski. „Sie beruhen schlicht auf anderen kulturellen Werten und Perspektiven."
Im zweiten Teil des Events präsentierte der Fotograf Yannick Cormier seine Erkundung von Maskentraditionen im europäischen Heidentum. Durch seine eindrucksvolle fotografische Arbeit zeigte Cormier, wie Maskenrituale nicht dazu dienen, Identität zu verbergen, sondern tiefere Verbindungen mit Naturgeistern sichtbar zu machen. Seine Präsentation verdeutlichte, wie diese Rituale, die in abgelegenen Regionen Europas bis heute lebendig sind, den Teilnehmenden ermöglichen, soziale Hierarchien zu überwinden und sich der natürlichen Welt enger verbunden zu fühlen.
Was mich besonders faszinierte, war Cormiers Beschreibung der Verwandlungserfahrung beim Tragen von Masken – wie sie Menschen erlauben, ihre sozialen Rollen vorübergehend abzulegen und eine ursprünglichere Verbindung zur Natur zu erleben, sowohl nach außen als auch in sich selbst.
Kunst als Vermittlerin: Brücken zwischen Mensch und Natur
Ein wiederkehrendes Thema beider Veranstaltungen war das Potenzial der Kunst, als Mittlerin zwischen Menschen und der natürlichen Welt zu wirken. Ob durch Storytelling, Maskentheater, Fotografie oder traditionelle Rituale – künstlerische Praktiken eröffnen Wege, sich dem Wald auf eine Art zu nähern, die analytisches Denken allein nicht erreichen kann.
Die Projektpartnerinnen betonten, dass die gegenwärtige Umweltkrise auch eine Krise der Vorstellungskraft ist. Durch die Erkundung verschiedener kultureller Perspektiven und kreativer Praktiken zielt relating forests darauf ab, neue Denk- und Beziehungsweisen gegenüber der Natur anzuregen.
Anne Bouchon von Cultures Éco-Actives brachte dies in den Abschlussworten auf den Punkt: „Wir brauchen Vermittlerinnen, um Verbindung zur Natur herzustellen. Künstlerinnen können diese Rolle übernehmen – ebenso wie Masken, Musik und Gesang. Unser Ziel ist es, dass Menschen jene Verbindung zur Natur spüren, die biologisch ohnehin existiert, und sich ihrer bewusst werden. Dieses Bewusstsein soll dazu führen, so zu leben, dass die Natur nicht zerstört wird."
Ausblick
Das Projekt relating forests setzt seine Erkundungen durch Workshops in Frankreich, Deutschland und Norwegen fort und mündet in ein abschließendes Event im Oktober 2025. Diese Feldexperimente und Forschungsinitiativen versprechen, die Erkenntnisse aus den Online-Veranstaltungen weiterzuentwickeln und theoretisches Verständnis in praktische Ansätze für nachhaltige Waldbeziehungen zu übersetzen.
Angesichts der wachsenden Herausforderungen durch Klimawandel und Artensterben erinnert uns relating forests daran, dass unsere Antwort darauf nicht nur technologischer, sondern auch kultureller und spiritueller Natur sein muss. Indem wir unsere Beziehung zu Wäldern durch verschiedene kulturelle Linsen und künstlerische Praktiken neu denken, könnten wir neue Wege zur ökologischen Heilung und Versöhnung entdecken.
Die Aufzeichnungen beider Online-Events sind auf dem Vimeo-Kanal des Projekts verfügbar. Sie sind ein wertvoller Ausgangspunkt für alle, die sich vertieft mit der Schnittstelle von Kunst, Ökologie und Kulturerbe beschäftigen möchten.
Welche Mythen prägen Ihren Blick auf Wälder? Wie könnten traditionelle Praktiken Ihnen helfen, sich der Natur wieder zu nähern? Wir freuen uns auf Ihre Gedanken in den Kommentaren.
Über die Referenten
Harald Gaski kommt aus Tana in Finnmark und ist Professor für samische Literatur am Sami University College. Seit Mitte der 1980er Jahre hat er maßgeblich zur Etablierung der samischen Literatur als akademische Disziplin beigetragen. Er ist zudem als Belletristikautor tätig und hat samische Literatur ins Norwegische und Englische übersetzt. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit indigener Ästhetik, samischen Mythen und traditionellen Werten sowie mit dem Multikünstler Nils-Aslak Valkeapää.
Yannick Cormier hat zunächst eine fotografische Serie über die noch heute lebendigen Ahnentraditionen in Tamil Nadu (Südindien) produziert, die in der Sammlung Dravidian Catharsis erschienen ist. Anschließend setzte er seine Forschung zu zeitgenössischen Ritualen in Frankreich und Europa fort. Von 2017 bis 2020 entstand eine neue Serie auf der Iberischen Halbinsel, Espiritus de Invierno, die die Karnevalsrituale dieser Region dokumentiert. Cormier zeigt, wie diese Praktiken als Form des Widerstands zugunsten der kulturellen Identität traditioneller Gemeinschaften funktionieren, die von der modernen Konsumwelt noch nicht vollständig vereinnahmt wurden. Seine Fotografie verbindet das Spirituelle mit dem Materiellen, Fiktion mit Realität, Tradition mit Moderne.
Funding
The project "relating forests" is a transnational cooperation between three European art institutions: TheatreFragile (Germany), Cultures Eco Actives (France) and NOBA (Norway)
Co-funded by the European Union. Views and opinions expressed are however those of the authors only and do not necessarily reflect those of the European Union and European Education and Culture Executive Agency (EACEA). Neither the European Union nor the granting authority can be held responsible for them.
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